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Leistungstest vs. Diagnostik: was ist der Unterschied?

Ein Test zeigt, WAS ein Körper kann. Eine Diagnostik zeigt, WIE er es kann. Warum dieser Unterschied darüber entscheidet, ob deine Zone 2 tatsächlich eine Zone 2 ist.

Fabian Kremser
Fabian Kremser
· 7 min Lesezeit
Leistungstest vs. Diagnostik: was ist der Unterschied?

Das Thema der Leistungsdiagnostik ist einmal mehr eines von der Sorte, das mehr Fragen aufzuwerfen scheint als dass es beantwortet. Wir versuchen in dieser kleinen Serie, Licht ins Dunkel zu bringen und wenigstens einige davon zu beantworten. Teil I: Leistungstest vs. Diagnostik.

Hier geht es schon los: Diese Begriffe sind zwar eigentlich klar definiert, doch haben sie unterdessen einen Prozess hinter sich, der dem Telefonspielchen gleichkommt: was am einen Ende ins erste Ohr geflüstert wird, kommt selten am anderen Ende gleich wieder heraus.

Bitte was?

Ein Problem, das sich uns in der wissenschaftlichen Arbeit zeigt ist, dass Sprachbarrieren viel stärker sind als wir uns bewusst machen. Wird eine Studie beispielsweise in deutscher Sprache durchgeführt, auf Englisch dokumentiert und in Italien ausgewertet, kommt es schnell vor, dass verschiedene Begriffe nicht ganz korrekt oder mehrdeutig übersetzt werden. Das nimmt dann seinen Lauf…

Zum Thema: Was ist der Unterschied zwischen einem LeistungsTEST und einer DIAGNOSTIK?

Gehen wir an die Wurzel:

Die Definition eines Tests könnte man wie folgt formulieren: Ein Test ist eine gezielte Prüfung oder ein Versuch. Damit findet man heraus, ob etwas Bestimmtes funktioniert, wie gut eine Leistung ist oder ob eine Vermutung stimmt. Im Gegensatz zu einem Experiment kennt man beim Test das Ziel oder die Erwartung bereits vorher.

Und wie sieht das bei einer Diagnostik aus?

Eine Diagnostik ist die Gesamtheit aller Methoden und Schritte, die eingesetzt werden, um den Zustand eines Menschen (oder eines technischen Systems) zu untersuchen und eine genaue Diagnose (Erkenntnis oder Benennung einer Krankheit oder eines Problems) zu stellen. Sie bildet die Grundlage für jede weitere Behandlung.

Viel klarer macht das die Sache nicht, denn wenn man die Messlatte hier ganz locker ansetzt, könnte man sogar ein einfaches 5km-TimeTrial oder einen FTP-Test als Diagnostik bezeichnen. Leider wird das auch gerne so gemacht, weshalb es oft nicht ganz einfach ist, gemeinsamen Boden zu finden. Zu schnell werden die Ergebnisse so präsentiert, dass sie Möglichkeiten als Fakten darstellen, was zu Problemen führen kann.

Vielleicht müssen wir die Frage anders formulieren. Wo könnten denn die Unterschiede liegen zwischen Test und Diagnostik?

Grundsätzlich gilt: Beide setzen voraus, dass sie nach einem wenn möglich einfachen, klaren und reproduzierbaren Protokoll durchgeführt werden. Sei es ein Test um etwas gezielt zu prüfen (zum Beispiel: Wie schnell kann ich 5km auf einer Rundbahn laufen?) oder eine Diagnostik um mit mehreren Schritten (wie bei einem Stufentest und mit Hilfe von Spiroergometrie) und unter klar definierten Bedingungen möglichst gesamtheitlich zu erfassen, wie ein Körper unter Belastung arbeitet: diese Reproduzierbarkeit ist das A und O der Grundlagen.

Der grösste Unterschied ist dann die Messung an sich, und hier können wir nun vielleicht den Kreis schliessen: Ein LeistungsTEST zeigt uns, WAS ein Körper kann. Eine DIAGNOSTIK zeigt uns, WIE er es kann.

Wieder etwas tiefer: Ein Leistungstest gibt uns zum Beispiel den Status Quo der gebrauchten Zeit für eine zuvor definierte Strecke oder auch die Leistung für eine bestimmte Zeit. Eine Diagnostik zeigt, wie der Körper bei welcher Leistung oder Geschwindigkeit arbeitet. Sprich, wie viel Sauerstoff er aufnimmt, wie viel Energie er benötigt, wie viele Fette er verbrennt, wie viele Kohlenhydrate, wie viele Proteine. Wie sein Herz arbeitet, wie sein respiratorisches System funktioniert, wie die Zellen mit dem Sauerstoff umgehen, wie Ökonomisch der Körper arbeitet, ob das System überlastet und / oder gestresst ist…

Aber… das sagt mir doch auch Zwift und wie sie alle heissen?

Hier wird es nun wieder komplexer. Ja, es ist absolut machbar, dass man bei zum Beispiel einem 20min FTP-Test auf Zwift gesagt bekommt, wo seine «Zone 2» ist. Wenn man dann den Begriff in eine Suchmaschine jedweder Art eingibt, erhält man womöglich so eine Beschreibung:

Beim Zone 2-Training befindet sich der Körper in einem Bereich niedriger Intensität mit rein aerober Energiegewinnung, bei dem die Grundlagenausdauer effektiv aufgebaut wird. Es entspricht etwa 60 bis 75 % der maximalen Herzfrequenz.

Der Körper deckt seinen Energiebedarf zu 80 bis 90 % aus den körpereigenen Fettspeichern. Da ausreichend Sauerstoff zur Verfügung steht, wird die Fettverbrennung (Lipolyse) optimiert. Die wertvollen Glykogenspeicher (Kohlenhydrate) im Muskel werden für spätere, intensivere Belastungen geschont.

Die Belastung signalisiert den Muskelzellen (Typ-I-Fasern), neue Mitochondrien zu bilden und bestehende zu vergrössern. Diese zellulären «Kraftwerke» wandeln Fett und Sauerstoff in Energie um. Je mehr Mitochondrien aktiv sind, desto länger leistet der Körper Arbeit, ohne zu ermüden.

…was ja eigentlich gut klingt. Nur… ist dem wirklich so?

Auftritt: Das Spiel mit den Statistiken, Vergleichsgruppen und der Realität

Am Anfang dieses Telefonspielchen standen helle Köpfe, die darum bemüht waren, Laboruntersuchungen zu vereinfachen und die dort ermittelten Resultate im Feld nachzustellen. Der Beweggrund dafür lag und liegt noch heute auf der Hand: nehmen wir als Beispiel eine Fahrrad-Equipe, die für ein Trainingslager irgendwo in die Berge reist. Fernab von vieler Technik gibt es kaum eine Möglichkeit, regelmässig und vor allem standardisiert Tests durchzuführen die einem sagen, wie sich das Training auf den Körper auswirkt.

Jederzeit möglich ist es hingegen, ein ganzes Team 20min lang maximal den gleichen Berg hochfahren zu lassen, auch an verschiedenen Tagen…

…was letzten Endes exakt das ist, was auch heute noch beim FTP-Test getan wird. Die Entwickler dieses Verfahrens, Hunter Allen und Dr. Andrew Coggan, hatten nämlich im Labor herausgefunden, dass die maximale Stundenleistung eines Radfahrers* relativ präzise dort lag, wo er auch seine Anaerobe Schwelle hatte. Und dass diese Stundenleistung ziemlich genau 95% eines Leistungswerts war, welche der gleiche Radfahrer über 20min maximal aufrecht erhalten konnte. Und dass 56-75% DIESES Werts wiederum etwa dem Bereich entsprachen, auf den die obigen Beschreibungen zutrafen.

Kurz: sie hatten eine Möglichkeit entdeckt, im Feld die Schwellen- und Bereichsbestimmung für ihre Radfahrer nachzustellen, ohne dafür ein hochkomplexes, medizinisches Labor z.B. in die Rocky Mountains transportieren zu müssen.

Nur…

Kommen wir zu unserem Stern*: Hier war ganz bewusst von RadFAHRERN die Rede, denn diese Tests und Untersuchungen konzentrierten sich auf eine sehr kleine und klar definierte Demografie: Männlich, Kaukasier, 26 bis vielleicht maximal 32 Jahre alt, austrainiert oder bereits Radprofi.

Für eine sehr kleine und klar definierte Gruppe von männlichen Athleten hatte man also ein Verfahren entwickelt, welches das Labor zu einem Teil obsolet machte – und die «Diagnostik zuhause» hielt Einzug in die Wohnzimmer, Paincaves und Trainingszimmer dieser Welt.

Und warum? Warum wurde oder wird dies auch heute noch so gut wie nie hinterfragt?

Wohl aus zwei einfachen Gründen: zum einen möchte jeder ansatzweise ambitionierte Radfahrer gerne von sich behaupten können, die gleichen Leistungswerte wie ein Profi fahren zu können. Instagram und Strava sind der beste Beweis dafür: «310 Watt normalisierte Leistung, gutes Zone 2-Training»… solche Aussagen sind keine Seltenheit. Zum anderen… nun, weil «für mich fühlt sich das richtig an!». Gegen das eigene Empfinden hilft am Ende kein Weihwasser, da erübrigt sich oft jegliche Definition.

Wie sieht es aber in der realen Welt aus?

Hier kommen uns die Zahlen aus tatsächlichen Laboren zur Hilfe. Zum Beispiel jenes unserer Partnerfirma, der Tricademy – School of Movement.

Im Herbst 2024 durfte die Tricademy ihre 1’000. Diagnostik durchführen. Was dabei besonders hervorzuheben ist: alle Tests fanden nach dem gleichen, standardisierten und validierten Protokoll statt und wurden mit Geräten gemessen, die nicht nur den medizinischen Goldstandard erfüllen, sondern ihn vielmehr stellen. Zudem gab es nicht eine spezifische Testgruppe, sondern eine weite Bandbreite an Athletinnen und Athleten auf jedem erdenklichen Fitnesslevel und in einem Altersspektrum von 16 bis 76 Jahren.

Was jetzt folgt, ist keine publizierte Studie, sondern die interne, anonymisierte Auswertung dieser 1’000 Diagnostiken. Wir sagen das so deutlich, weil man den Unterschied kennen sollte. Gefragt wurde:

Bei wie vielen entsprach Anaerobe Schwelle der FTP?

Bei wie vielen lag die Zone 2 dort, wo sie gemäss der Berechnung zu finden wäre?

Bei wie vielen fand dort die Energiegewinnung tatsächlich zu 80-90% aus Fetten?

Die Antwort war so klar wie einfach: bei einem einzigen Probanden.

Und der war… Kaukasier, zum Testzeitpunkt 28 Jahre alt, austrainiert und Profisportler…

Unterdessen sind es weitaus mehr, doch die Aussage blieb bisher gleich: Die Chance, dass man in einer berechneten Zone 2 tatsächlich die Grundlagen trainiert, Mitochondrien aufbaut und hauptsächlich Fette verbrennt, ist kleiner als 1 zu 1’000.

Dass die Rechnung nicht aufgeht, zeigt sich übrigens nicht nur bei uns. Eine Untersuchung an 761 Personen fand den Punkt der maximalen Fettverbrennung im Schnitt bei 35 bis 43% der Spitzenleistung – und zwar je nach Fitnesslevel an unterschiedlicher Stelle. Ein fixer Prozentsatz kann also gar nicht für alle passen.

Zeit für etwas Perspektive

Was würden wir wissentlich tun, wenn die Aussicht auf Erfolg bei 1 zu 1’000 läge?

Wir würden in kein Flugzeug steigen, keine Narkose zulassen, nicht über die Strasse gehen. Wir würden nicht einmal eine Tablette Aspirin nehmen.

Warum schreckt es uns dann nicht, wenn es darum geht, dass wir die eigene Gesundheit aufs Spiel setzen?

Vermutlich aus den oben genannten Gründen. Es fühlt sich nicht so an, als wäre da etwas im Argen, also muss es richtig sein. Ich stecke ja selber in meinem Körper und kenne den am besten. Oder?

Werfen wir nochmal einen Blick auf die Statistiken und fragen nach: wie gross waren denn die Unterschiede?

Fragt man Google, wie hoch die maximale Fettverbrennung im Schnitt bei trainierten Menschen liegt, erhält man die Aussage, dass sie etwa bei 35-45 Gramm pro Stunde (einfach: g/h) zu finden ist.

In einem eher krassen Gegensatz dazu steht die Auswertung besagter Tests, die sehr klar zeigt, dass der im Schnitt erzielt FatMax-Wert eher bei 15-22g/h liegt. Keine Seltenheit hingegen sind Mengen von weit über 140-190 Gramm an Kohlenhydraten pro Stunde, die in der Zone 2 verbrannt werden. Und das lässt sich beim besten Willen nicht schönreden: bei diesem Energiebedarf kann man nicht mehr von Grundlagen sprechen. Der Körper steht unter allerhöchstem Stress.

Es gibt aber auch eine gute Nachricht: mit dem richtigen Training lässt sich in diesen Bereichen sehr viel bewerkstelligen. Doch dazu braucht es eine Diagnostik, keinen Test. Und man sollte wissen, welchem Wert man überhaupt trauen kann – das gilt für die VO2max aus der Uhr genauso wie für die Zone 2 aus der Rechnung.

Diese Resultate können zudem direkt in obseed importiert werden: Mit unserem Energy-Spread stehen dir hier mehrere Optionen zur Verfügung, deine Daten direkt mit deinen Trainings zu verknüpfen und so direkt zu verfolgen, was in deinem Körper vor sich geht, wenn du trainierst!

In unserem nächsten Artikel und dem 2. Teil dieser kleinen Serie werden wir über Schwellen und Maximalwerte sprechen und so hoffentlich noch etwas mehr Licht ins Dunkel bringen.

#leistungsdiagnostik #ftp #zone-2 #fatmax #spiroergometrie

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